Projektergebnisse

Auf den Punkt zu bringen ist zum Schluss, wo genau der kritische Beitrag von KORFU liegt und welche klaren Aussagen möglicherweise nicht „politisch genehm“, aber gerade deshalb bedenkenswert sind. Hier positioniert sich KORFU durch klare – durchaus polarisierende – Aussagen:

(1) Je größer die Komplexität einer Universität, desto eher versagt die Zentralsteuerung. Einzig einem umfassend ermächtigten Universitätspräsidenten das Schicksal einer modernen Universität anzuvertrauen, ist grob fahrlässig!

Dies ist nicht nur systemtheoretisch erklärbar, so etwa durch das grundlegende „Gesetz der erforderlichen Varietät“, das eine zur Problemkomplexität passende Problemlösungsvarietät fordert – also etwa bei vielschichtigeren Herausforderungen auch vielschichtigere, auf mehrere Experten verteilte sowie subsidiäre Steuerungssysteme. Es ist zudem ein Erfahrungstatbestand mit den zentralistischen Unternehmensmodellen der 1980-er Jahre, die sich mittlerweile zu partizipativ-vernetzten und erst damit flexiblen Unternehmensmodellen der 2010-er Jahre verändert haben. Letztere sind – so sich Universitäten überhaupt ein Beispiel an Unternehmen nehmen wollen – die passende Vorlagen.

(2) Der Anteil derjenigen in Universitäten, die von höherer Warte darüber nachdenken, was die Forschenden und Lehrenden tun sollen, nimmt dramatisch zu und ist strukturelle Geldverschwendung!

Hiermit sind die Zentralisierung von Entscheidungsmacht bei der Universitätsleitung sowie der damit verbundene Aufbau von Parallelstrukturen zu bereits bestehenden Fakultätsstrukturen gemeint. In dem Maße, wie Universitätspräsidenten ihre operative Steuerung strukturell auf Fakultäten sowie inhaltlich auf Forschung und Lehre ausdehnen, bauen sie unterstützende zentrale Einheiten auf und institutionalisieren sie als dauerhafte Strukturen. In der Konsequenz wird das Universitätssystem unnötig teuer. Kostete früher ein Studienplatz rechnerisch einen bestimmten Betrag, reicht dieser heute nicht mehr aus, weil die Strukturdopplung mit bezahlt werden muss. Es ist kein Wunder, dass Universitätsleitungen immer mehr Overhead aus extern eingeworbenen Drittmitteln der Forscher einbehalten: Ineffizienz muss ja bezahlt werden!

(3) Professoren sind zunehmend keine „mündigen Bürger“ ihrer Fakultät mehr! Und wissenschaftlicher Nachwuchs bekommt erst gar nicht die Chance, solche zu werden!

Die Rolle von Professoren wandelt sich von mitbestimmenden, partizipierenden Akteuren zu individuellen Partikularoptimierern – sei es, aus Frustration, sei es aufgrund gewandelter Anreizsysteme. Zudem funktioniert die traditionelle Sozialisation von wissenschaftlichem Nachwuchs in Zeiten von Juniorprofessuren, die sich in ihrer betreuungsarmen Selbstüberlassung auf kurzfristige Mitnahmeeffekte zu Lasten langfristiger Substanz ausrichten, nicht mehr. Also: Wer stellt sich als Professor noch gerne in den Dienst einer autonomen Fakultät, wenn man sich als Unternehmensberater, Aufsichtsrat, Institutsvorstand oder reisender Akkreditierer auf eigene Interessen konzentriert oder im Wettbewerb um Geld, Mitarbeiter und Journalartikel aufreibt? Desinteresse und Untätigkeit machen sich unter den Professoren breit und Aufwand fließt am ehesten noch in Exkulpierungsrituale, mit denen man legitimiert, dass man sich nicht einbringt. Dies ist insgesamt ernüchternd und perspektivisch hoch problematisch, denn Korporatismus als Steuerungsprinzip für Fakultäten wird so nicht mehr funktionieren. Entweder will man genau dies erreichen und damit die traditionelle Identität von Universitäten nicht mehr – oder man muss die Renaissance autonomiefördernder Rahmenbedingungen anstoßen.

(4) Akademische Zusammenarbeit verkommt zu einer bloßen Fassade von „Kooperation“, anstatt korporatistisch-kollegial zu echter Kreativität und echter Synergie zu führen.

Mittlerweile wirken nicht einmal mehr kooperationsförderliche Anreizsysteme richtig, weil jegliche inhaltliche Kooperation mit immenser Kooperationsbürokratie überfrachtet wird. Was gerade noch funktioniert, sind „Kooperationen“ bei wissenschaftlichen Papern, auf die sich Autoren wechselseitig draufschreiben, „Kooperationen“ bei Forschungsprojekten, die hinter den Kulissen zerfallen, sobald das eingeworbene Geld auf den Konten eingegangen ist, „Kooperationen“ in der Lehre, die bei Lichte besehen inexistent sind. Wenn dann Fakultäten aus ihrer Autonomie heraus mit anderen Fakultäten kooperieren wollen, etwa weil sie „Interdisziplinarität“ ernst nehmen, dann werden solche Initiativen unmittelbar durch die Universitätsleitung gekapert und mit Kontrollmechanismen und Reportinganforderungen versehen. Die Potenziale echter Kooperation werden bewusst verschenkt, nämlich, zu neuen wissenschaftlichen Ideen und Innovationen zu kommen. Notwendig ist hier die Redefinition von Kooperation in Richtung auf substanziellen Wettbewerb, der im Sinne eines „nicht- alimentierten Darwinismus“ darauf verzichtet, vor der Aufnahme der Kooperationsarbeit zunächst nach Geld zu rufen, und stattdessen erst erfolgsträchtige Kooperationszwischenergebnisse zu unterstützen.

(5) Die kollegial-korporatistische Fakultätsautonomie braucht endlich eine selbstbewusste Lobby!

Zwar gibt es im deutschsprachigen Raum einen „Allgemeinen Fakultätentag“, der den Anspruch hat, „fächerübergreifend Hochschulpolitik gestalten“ zu wollen. Er zeichnet sich aber im Konzert der Lobbyvereinigungen im Bildungssystem durch weitgehendes Heraushalten aus allem Grundsatzdebatten zur Universitätssteuerung und durch seine viel zu leise Stimme aus. Gegen die Übermacht der Hochschulrektorenkonferenz tritt der Allgemeine Fakultätentag gar nicht erst an. Hier wären deutliche Reformen angebracht: zum einen in der Zusammensetzung (anstatt eine reinen Vertretung von Dekanen, die in der Steuerung auch immer zentralistischer zu werden drohen, ist eine stärkere Beteiligung von Professoren notwendig), zum anderen in der politischen Ausrichtung hin auf eine aktive Wahrung der langfristigen Existenzinteressen von Fakultäten.

(6) Gestaltung von kollegial-korporatistischer Fakultätsautonomie kann nicht mehr evolutionär erfolgen – nur mit einem radikalen Paradigmenwechsel!

Fakultäten und Universitäten erodieren von innen heraus und werden von außen noch geschwächt. An vielen Ansatzpunkten ist das universitäre System nicht mehr gestaltbar: die Universitätspräsidenten sind es nicht (Zentralisierungsdrang), die Fakultäten sind es nicht (mangelndes „fakultätsbürgerschaftliches“ Engagement), die Dekane sind es nicht (Selbstoptimierung als Gefahr), die Professoren sind es nicht (zu attraktive Outside-Optionen), der wissenschaftliche Nachwuchs ist es nicht (fehlgesteuerte Sozialisation), die Studierenden sind es nicht (Bologna und seine Folgen). Dass eine Gesamtoptimierung des Systems Universität unter diesen Voraussetzungen nicht funktionieren kann, lässt sich auch durch Simulationen belegen. Als universitärer Akteur kann man sich im Grunde nur weigern, dieses bestehende System zu stabilisieren, weil man es damit nur noch weiter in die Ineffizienz treibt. Es würde nur ein radikales Umdenken helfen, der viel zitierte „Paradigmenwechsel“, den allerdings zurzeit nur eine ganz kleine Minderheit an Akteuren will. Dass Universitäten in den nächsten fünf bis zehn Jahren „mit ein bisschen Strampeln“ noch überleben können, steht außer Frage, und hierfür gibt es auch genügend kleinteilige Lösungsmuster, etwa die viel erforschten „Key Performance Indikatoren“ zwecks noch ausgefeilterer Detailsteuerung. Aber auf längere Sicht steuert die Universität als System auf die Sinnfrage zu. Vielleicht orientieren sich einzelne Universitäten rechtzeitig um: in Form eines mutigen zukunftsweisenden Pilotprojekts, das dezentralen Korporatismus als Wettbewerbsvorteil für ihre Gesamtstrukturierung begreift und die Universität mit autonomiegestärkten Fakultäten offen als Gegenmodell zum Mainstream positioniert.

Ausführliche Projektergebnisse finden Sie hier: Scholz, Christian/Stein, Volker, KORFU 2011 – 2014: Ein Projektresümee, das hoffentlich aufrüttelt. KORFU-Arbeitspapier Nr. 21, Siegen – Saarbrücken 2015.